RELEVANZ-INTERVIEW mit Rheintochter Birgit Eschbach

 

„Was relevant ist.“ heißt Ihr neues Leitthema, das Sie in zahlreiche Tagungen und Workshops integrieren möchten. Das ist ein sehr weiter Begriff, was steckt konkret dahinter? 

Es stimmt. Relevant kann vieles sein, noch dazu individuell verschieden und von persönlichen Erfahrungen abhängig. Gleichzeitig ist es ganz einfach zu beantworten: Relevant ist in unserem Business alles, was Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führt, und zwar so, dass Zukunft gelingt. 

Wir kennen alle die vermeintlichen Vorteile, die die Digitalisierung mit sich bringt. Da stehen flache Hierarchien, flexible Strukturen, Teambuildung, Wissen teilen auf der einen Seite. Permanente Erreichbarkeit, vielfältige Vernetzung, größtmögliche Transparenz auf der anderen. Auf den näheren Blick verbergen sich dahinter auch Stolperfallen und Tücken, die kreatives, visionäres Arbeiten nicht immer nur voranbringen, vielfach sogar erschweren. Unser Ziel ist es, echte Vorteile zu stabilisieren, indem wir die Menschen auf dem Weg der Digitalisierung mitnehmen, mit ihren Wurzeln. Das Verbundensein deutlich zu machen mit allem, was relevant ist. Das kann ein Bezug zur Natur sein, Anknüpfen an frühere Ziele, ein bekanntes Gefühl von „Das kenne ich“. So schließt sich der Kreis. 

 

Wo bremst Digitalisierung die erfolgreiche Entwicklung von Unternehmen?

Alles hat zwei Seiten, mindestens. Wenn wir hinter die Kulissen des heutigen Arbeitsalltags schauen, stellen sich viele Fragen: Müssen wir wirklich im Großraumbüro arbeiten oder alternativ immer erreichbar sein, um das bestmögliche Ergebnis, effizient und schnell zu erzielen? Dient die Mail kurz vor Mitternacht tatsächlich dem Unternehmen oder eher als Alibi-Präsenzbeweis? Ist jemand, der stattdessen einen Spaziergang gemacht hat, der unzuverlässigere Mitarbeiter? Wo bleiben im durchgetackteten, transparenten Arbeitsprozess Zeit und Räume, zu beobachten, nachzudenken, zu adaptieren, in Bezug zu setzen, groß zu denken – über die wohlklingende Work-Life-Balance und definierte Urlaubszeiten hinaus? Gibt es Optionen, sich mit den eigenen Stärken zu verbinden, bevor das Team gemeinsam ans Werk geht? Ideen zunächst wertfrei zu betrachten? Von der Natur zu lernen (Bionik)? Hilft es vielleicht anzuhalten, um dann zügiger weiterzugehen? Gehören Trendbegriffe wie Waldbaden, Heimat, Sehnsuchtsort wirklich nur zu Wellness und Freizeitgestaltung? Und kann nicht gerade in der „Zeit dazusitzen und vor sich hinzuschauen“ (wie Astrid Lindgren es einmal formulierte) etwas Großes entstehen? Unsere These dazu lautet: Nichtstun heißt noch lange nicht, dass sich nichts tut! Im Gegenteil. 

 

Sie bringen Begriffe wie RuheRaumZeit ins Spiel. Wieso diese Herangehensweise? 

Wir hätten hier auch ein weißes Blatt abbilden können oder einen leeren Raum, einen Wald mit unzähligen Grüntönen, einen Horizont am Meer, ein Bank im Museum, eine fußballfeldgroße Wiese mit scheinbar nichts außer Gras – wirklich nichts? Die Hirnforschung hat den Wert der so genannten Langeweile längst als Kreativpool erkannt, wo es sich aus dem Vollen schöpfen lässt, aus sich selbst heraus. Nur wir machen häufig das Gegenteil und schütten alle freien Gedanken, Ideen mit Terminen, Meetings, permanenter Social-Media-Kommunikation zu. 

Was passiert aber, wenn sich Mitarbeiter nicht in einem aktiven Teambuiding-Event treffen, sondern in einem solchen Ruhe-Raum, an einem Ort der zunächst gar nichts mit ihrer Arbeitsrealität zu tun hat, dafür umso mehr mit ihren Wurzeln? Was, wenn wir ihnen Zeit zur Verfügung stellen, in denen sie nicht erreichbar sein müssen, nichts liefern müssen, nichts beweisen, nichts erkämpfen und auch nicht bewerten? Das ist spannend. 

Und was hat das genau mit unternehmerischem Erfolg zu tun? 

Unseren Ansatz, mehr Relevanz in die globale Unternehmenswelt und den digitalisierten Berufsalltag zu bringen, Vernetzung nicht nur auf horizontaler Ebene zu realisieren, sondern in die Tiefe, bis zu den Wurzeln, aus der Ruhe Kraft schöpfen, etwas entstehen und wachsen lassen, integrieren wir passgenau in viele Events. Digitalisierung kann nur auf lange Sicht erfolgreich gelingen, wenn sich die Haltung ändert, wenn wir nicht zu kleinen 24-Stunden-Robotern werden müssen, die schlechter arbeiten als die künstliche Intelligenz. Wenn wir im besten Sinne verbunden sind und vernetzt, mit anderen und ebenso mit unseren eigenen Ressourcen.

Studien zeigen, dass Menschen, die Marihuana rauchen 5 % ihres IQ’s verlieren und Menschen, die immer ansprechbar sind 10 % ihres IQ’s. Es ist also effizienter für Unternehmen, wenn sie Ihre Mitarbeiter kiffen lassen, anstatt Sie in Großraumbüros zu setzen.

 

Das RELEVANZ-Konzept ist Ihnen sehr wichtig und für Sie persönlich relevant. Warum? 

Der Ansatz begleitet mich schon mein gesamtes Berufsleben. Beim Start hatte ich das Glück mit zwei visionären Chefs zusammenzuarbeiten. Zunächst war ich überrascht und auch etwas überfordert, als mich der Geschäftsführer einer Werbeagentur begrüßte mit den Worten „Gehen Sie mal ein paar Stunden in der Stadt bummeln und heute Abend schreiben Sie dann Ihre Ideen auf.“ Beim zweiten Job in New York schickte unsere Marketing Managerin uns ins Museum, um Inspirationen für neue Produkte zu bekommen. Diese Perspektivwechsel habe ich systematisch ausgebaut. Wenn ich mir kreative Auszeiten nehme, sei es ein Waldspaziergang, ein Ausstellungsbesuch, oder eine Bootstour auf dem Rhein, gewinne ich Zeit zum Denken. Der scheinbar zusätzliche Zeitbedarf ist de facto ein Zeitgewinn und stärkt die Verbundenheit mit den eigenen Fähigkeiten. 

 

Birgit Eschbach ist seit mehr als 20 Jahren Inhaberin der Rheintoechter und Mitgründerin der Isarsoehne, Agentur für Marketing & Events. Wie Digitalisierung nachhaltig gelingt, ist für sie eines der zentralen Themen unserer Zeit.